Theorie und Praxis

Theorie ist gut, Praxis ist besser! Dieser etwas verstaubte Spruch enthält eine entscheidende Wahrheit, nämlich, daß die ganze graue Theorie, ohne die praktischen Erfahrungen im Leben, kein Pfifferling wert ist. Alles theoretisch Erlernte sollte auch irgendwann zur Anwendung kommen . Um Platz für neues Wissen zu schaffen, ist es ratsam das vorhandene einer Inventur zu unterziehen. Stellt man bestimmte Affinitäten an sich fest, können diese intensiver gefördert werden, um herauszufinden, für was man besonders geeignet ist. Das heißt natürlich nicht, sich freiwillig in eine musikalische Sackgasse zu begeben. Zum Thema Vielseitigkeit, in Bezug auf unterschiedliche Stile, gehe ich unter der Überschrift "Lernmethoden" noch näher ein.
 
 

Spieltechnik und Intuition

Im Laufe einer langjährigen Musikerlaufbahn wird jeder feststellen, daß die Technik eigentlich nur eine untergeordnete Rolle spielt. Dennoch ist sie unverzichtbar, da sie sozusagen das Handwerkszeug in der Musik darstellt. Man kann sehr viel Zeit damit verbringen Skalen, Licks, Patterns oder Arpegios zu üben, doch sollte man früh damit beginnen sich von den Ketten der Theorie zu lösen, den Kopf abzuschalten und das Erlernte fließen zu lassen. Der Bauch und das Herz sind die eigentliche Seele der Musik. Wenn man es schafft sie sprechen zu lassen, entsteht eine Musik, die uns berührt und fesselt. Intuitives also gefühlsmäßiges Spielen kann man nicht mit Hilfe von schlauen Büchern lernen. Es steckt in unterschiedlicher Form in uns allen. Ob es erwacht oder weiter schläft kann keiner vorhersagen. Eines nur ist klar, daß es mit Einfühlungsvermögen und einer guten Portion Talent zu tun hat. Wenn man merkt, daß man musikalische Mitteilungsfähigkeiten besitzt, sollten diese gepflegt werden. Dies kann z.B. bei einer Session, oder generell in Situationen geschehen, bei denen man völlig frei musizieren kann. Spontanes Zusammenspiel und Interaktion mit anderen Musikern trägt sehr zur Weiterentwicklung bei. Wer von Grund auf nur nach streng vorgegebenen Regeln lernt und auch dabei bleibt, wird in seinem Spiel statisch bleiben. Deshalb ist auch hier ein ausgewogenes Maß nötig, um seine eigene musikalische Persönlichkeit zu entwickeln und nicht die eines anderen zu kopieren.
 
 

Lernmethoden

Zum Lernen ist erst einmal generell zu sagen, daß noch kein Meister vom Himmel gefallen ist. Dem einen fällt es leichter, der andere braucht etwas länger. Wichtigste Grundlage für Einsteiger ist, niemals frühzeitig aufzugeben. Geduld und ein starker Wille helfen über Täler hinweg. Man erlebt sie immer wieder die Tiefen. Das ist kein Grund zu kapitulieren! Ab und an bewirkt eine längere Spielpause Wunder. Man läßt das Gelernte sacken, schont Nerven und Sehnen, kommt auf andere Gedanken und läßt Gitarre einfach Gitarre sein. Es wird nicht lange dauern, bis sich die Spielsucht meldet und die "Klampfe" ruft: "Komm nimm mich und laß mich schwingen!" Der Spaß darf beim Lernen nicht zu kurz kommen, deshalb ist es gut für Abwechslung zu sorgen und sich nicht zu sehr an einer Übung festzubeißen. Besser ist es, etwas später, das Ganze noch einmal zu wiederholen.

Es gibt sicherlich sehr viel verschiedene individuelle Wege etwas zu lernen. Jeder sollte sich im Laufe der Zeit seine eigene angepaßte Lernstrategie entwickeln, da es kein gemeingültiges Erfolgsrezept gibt. So verschieden der Mensch nun mal ist, sind auch seine Gewohnheiten und Fähigkeiten. Deshalb kann man an dieser Stelle nur Anregungen geben. Ein für mich sehr wichtiger Aspekt ist die Tatsache, daß man keine Musikrichtung (Stil) von vornherein ausklammern darf. Jeder Stil beinhaltet wissenswertes Material, um seinen musikalischen Horizont zu erweitern . Ob es eine spezielle Technik, eine Harmoniestruktur, ein kompositorisches Element, oder eine Melodieführung ist. All diese Dinge können helfen das musikalische Verständnis zu komplettieren und den Trog aus dem man später schöpft zu füllen. Das man sich irgendwann auf das konzentriert, was man besonders gut kann, ist natürlich völlig legitim und soll auch so sein. Aber jetzt hat man gegenüber Einbahnstraßenfahrern den Vorteil einer reichhaltig gefüllten musikalischen Schatztruhe, aus der in vollen Zügen geschöpft werden kann.

Sollte man gleich von Anfang an Noten lernen, oder lieber nicht? Hat man vor, Musik als Hauptberuf auszuüben, sollte man schon zusehen ein guter Blattleser zu werden, da sonst sehr schnell die Gefahr besteht, in die Garde der brotlosen Künstler aufgenommen zu werden. Für Amateure und Semiprofis reicht es, überhaupt mit Noten umgehen zu können, ohne dabei Geschwindigkeitsrekorde zu brechen. Auch hier gilt: jeder nach seinen Wünschen, Zielen und seiner Fasson. Eine Gefahr sehe ich bei Musikern, die schon immer ausschließlich nach Noten gespielt haben. Ihnen fehlt die Freiheit der Improvisation. Es gibt wirklich Leute, die ohne Notenblatt vor der Nase keinen Ton aus ihrem Instrument bekommen. Sie haben es einfach nie gelernt sich frei zu entfalten und einfach nur das Gefühl sprechen zu lassen. Deshalb ist es nicht falsch ein Instrument erst einmal völlig frei von Regeln zu entdecken. Dann kann das theoretische Wissen immer noch geschult werden.